Bildnachweis: Museum Digital – René Boyvin (1544): Ulrich Zwingli (CC BY-NC-SA @ Museum im Melanchthonhaus Bretten)

Zwingli in Bremgarten: Triumphzug und Geheimbesuch

Zweimal ist der Reformator Ulrich Zwingli nachweislich in Bremgarten gewesen. Im Februar 1528 reitet er unter dem Schutz Hunderter Soldaten durch die Marktgasse, im August 1531 kommt er heimlich in der Nacht durch eine kleine Pforte am Katzenturm. Der Historiker Reto Jäger ist diesen Spuren im Zwingli-Jubiläumsjahr 2019 gefolgt, bis in die Gegenwart.

Bremgarten zwischen den Fronten

1528 hat sich in Zürich die Reformation durchgesetzt, in der übrigen Eidgenossenschaft gärt es. Bremgarten liegt mittendrin: Die Stadt gehört zu einer Gemeinen Herrschaft, über die Zürich, Bern und Glarus gemeinsam mit den fünf Innerschweizer Orten regieren. Reto Jäger spricht von einem «Stellvertreterkrieg» um den richtigen Glauben.

Anfang 1528 reist Zwingli an die Disputation nach Bern, ein Religionsgespräch über den Glauben der Stadt. Der Weg führt durchs Reusstal, wo die Innerschweizer dem Reformator nach dem Leben trachten. 300 Bewaffnete begleiten ihn, und im Gehölz vor Mellingen fällt ein Schuss.

Zwingli und der Zürcher Bürgermeister Röist reiten unter Waffenschutz nach Bern, ein Heckenschütze zielt auf den Reformator. Ausschnitt aus dem Zwingli-Portal am Grossmünster in Zürich. Foto: Reto Jäger

1. Februar 1528: Heerschau in der Marktgasse

Für die Rückreise wählt Zwingli die Route über Bremgarten. Die Innerschweizer schicken Boten, denn die Stadt soll beim alten Glauben bleiben. Als das Gerücht von einem Attentat umgeht, schickt Zürich 50 Bewaffnete, die noch vor den Innerschweizern eingelassen werden.

Zwingli selbst erreicht mit 200 Berner Soldaten unter Junker Rudolf von Erlach das Vorgelände im Westen der Stadt. Doch die Tore bleiben verschlossen. Schultheiss und Rat lassen ausrichten, sie müssten erst mit den Boten der Urschweiz reden. Den Bernern reisst der Geduldsfaden: Sie nehmen Zwingli in ihre Mitte und blasen zum Angriff. In diesem Moment öffnet sich das Tor bei der Holzbrücke.

Die Bevölkerung strömt zusammen und verpflegt die Truppen in der Marktgasse. Die Bremgarter Bürger stehen bewaffnet bereit und schauen zu. Ein gutes Jahr später setzt sich die Reformation auch in Bremgarten durch.

Ein Bild voller Phantasie

Wie dieser kalte Wintertag ausgesehen haben könnte, zeigt ein Historienbild des Zürcher Malers Ludwig Vogel (1788–1879) aus dem Jahr 1865. Eine Reproduktion ist im Stadtmuseum Bremgarten zu sehen. Der Blick geht vom unteren Ende der Marktgasse zum Spittelturm, Schnee liegt auf Dächern und Pflaster. In der Bildmitte reitet Zwingli, begleitet vom prunkvoll gekleideten Zürcher Bürgermeister Diethelm Röist.

Vor dem «Haus zum Rehbock», der heutigen Bijouterie am Bogen, winken die Anhänger der Reformation. Einer Mutter im Vordergrund legt Reto Jäger die Worte in den Mund: «Lueg Bueb, das isch de Zwingli!» Vorne rechts kehren Altgläubige dem Zug den Rücken zu, einer versteckt eine Axt. Ist das der Attentäter?

Vogels Bild entstand mehr als drei Jahrhunderte nach dem Ereignis, und das sieht man. Die Häuser mit Erkern und Walmdächern erinnern ans 18. Jahrhundert, und den Spittelturm gab es zu Zwinglis Zeit noch gar nicht. Erhalten ist einzig die Glocke, die auf dem Bild am Spitalgebäude hängt: Sie befindet sich heute im Dachreiter des ehemaligen Zeughauses und trägt die Jahrzahl 1400. Offen bleibt, wo der junge Bremgarter Heinrich Bullinger steckt. Er begleitete Zwingli nach Bern, ihm verdankt die Nachwelt viele Details.

Ludwig Vogel: Zwingli zieht auf der Rückkehr von der Berner Disputation mit grossem Gefolge durch Bremgarten, 1865. Foto: Stiftung für Kunst des 19. Jahrhunderts, Olten

August 1531: Die weisse Frau am Katzentörli

Dreieinhalb Jahre später kommt Zwingli wieder, diesmal zu Fuss, ohne Soldaten und im Schutz der Dunkelheit. Die Eidgenossenschaft steht vor einem Bürgerkrieg, eine Wirtschaftsblockade schnürt die Innerschweiz ab. Zwingli drängt auf einen Angriff, Bern will abwarten. Um eine offene Krise abzuwenden, trifft sich Zwingli im Haus seines Freundes Heinrich Bullinger, inzwischen Stadtpfarrer im reformierten Bremgarten, mit zwei Berner Abgesandten.

Drei Ratsherren halten in der Nacht Wache. Vor Tagesanbruch begleiten sie Zwingli und Bullinger zum Katzentörli beim Katzenturm. Dort warnen zwei Nachtwächter, sie hätten «ein menschen in einem Schneewyssen kleid» beobachtet. Bullinger durchsucht das Schützenhaus, das heutige Restaurant Bijou, und findet niemanden.

Bullinger begleitet den Freund bis Zufikon. Unter Tränen verabschiedet sich Zwingli: «Min lieber Heinrych, Gott beware dich.» Zurück am Katzenturm erfährt Bullinger von den Wächtern, die weiss gekleidete Frauengestalt sei wieder erschienen und vor dem Törli im Wasser verschwunden. Ein böses Omen?

Am 11. Oktober 1531 fällt Zwingli in der Schlacht bei Kappel am Albis. Die beiden Freunde haben sich nie wiedergesehen. Bullinger muss aus Bremgarten fliehen, durch dasselbe Törli, wie er festhält. In Zürich wählt ihn der Rat mit 27 Jahren zum Nachfolger Zwinglis an der Spitze der Zürcher Kirche.

Heinrich Bullinger (1504–1575) wurde in Bremgarten geboren und leitete nach Zwinglis Tod die Zürcher Kirche. Porträt um 1700, Kopie nach einer Vorlage von 1602. Foto: Zentralbibliothek Zürich

Vier Bohrlöcher am Katzenturm

Anfang des 20. Jahrhunderts bringt der Verkehrsverein Gedenktafeln an. Am Katzenturm ist damals eine zugemauerte Spitzbogentür sichtbar, die in vier Metern Höhe ins Nichts führt. Daneben kommt eine steinerne Tafel mit gotischer Inschrift: «Katzentörlein, Durchgang Zwinglis, 12. August 1531». Generationen von Spaziergänger:innen rätseln, was der Zürcher Reformator an dieser Hintertür zu suchen hatte.

Mit der Renovation des Turms im Jahr 2002 verschwindet die Tür unter neuem Verputz. Die Tafel übersteht die Erneuerung, zerbricht aber später, und die Turmbesitzer entsorgen die Reste. Wenn Sie heute am Katzenturm vorbeigehen, finden Sie noch vier Bohrlöcher und eine kleine Plexiglastafel.

Bildnachweis: Originalbeitrag 2020, Seite 97

Ein Nachkomme in 14. Generation

Als der Beitrag 2019 erschien, lebte in Bremgarten West ein Zwingli-Nachkomme in 14. Generation: Alfred Ruhoff. Der pensionierte Psychiater stammt aus einer Pfarrersfamilie, die Linie zu Zwingli führt über Mutter und Grossmutter mütterlicherseits. Für ihn ist der Reformator eine «absolut beeindruckende Figur».

Bis zu Ruhoffs Jugend stand in der Familie ein anderer Ahne im Vordergrund: Johann Jakob Bodmer, Anführer im Stäfner Aufstand von 1795. Zürich verurteilt ihn zum Tod. Der Scharfrichter hat das Schwert schon gezogen, als die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt wird.

Zwingli soll alle Instrumente seiner Zeit beherrscht haben, von der Laute bis zum Dudelsack. Auch Ruhoff ist ein begeisterter Musikliebhaber. Exklusiv ist die Verwandtschaft allerdings nicht: Nach Berechnungen von Genealog:innen stammten um 1930 mehrere Zehntausend Menschen vom Reformator ab, die meisten über seine Tochter Regula. Nur wissen die wenigsten davon.

Originalbeitrag

 

Reto Jäger: Zwingli und Bremgarten. Eine Spurensuche in der Vergangenheit und Gegenwart. In: Bremgarter Neujahrsblätter 2019, S. 23–36.

 

Im vollständigen Beitrag erfahren Sie unter anderem, wie Ludwig Vogel mit seinem Bremgarter Historienbild einem früh verstorbenen Malerfreund die Ehre erweist. Sie können ihn hier direkt herunterladen: