Bildnachweis: Wikimedia – Der Muri-Amthof in Bremgarten (Creative Commons)

Von Turm zu Turm

Am Fasnachtssonntag 1802 stürzt mitten in Bremgarten der älteste Turm der Stadt in sich zusammen. Wo er stand, führt heute ein Durchgang beim Schellenhaus aus der Altstadt. Die Bremgarter Neujahrsblätter 2016 führen auf einem Spaziergang zu diesem verschwundenen Turm und zu den sieben, die heute noch stehen.

Schutz, Rang und Gefängnis

Türme bedeuten Schutz für die einen und Abwehr für die andern, sie bieten Orientierung und zeigen den Rang ihrer Besitzer. Der spätbarocke Spitzhelm des katholischen Kirchturms sei absichtlich so berechnet worden, erzählt man sich, dass er den Spittelturm knapp überrage.

Bis auf die beiden Kirchtürme und den Amthofturm waren alle Bremgarter Türme Wehrtürme. Hermannsturm, Hexenturm und Katzenturm werden 1415 erstmals in einer Urkunde erwähnt. Sie bildeten die Eckpfeiler der Stadtbefestigung, zu der eine Mauer rund um die Stadt und zwei Gräben gehörten. Einer davon zog sich quer über den heutigen Obertorplatz. Modernen Geschützen hätte sie kaum standgehalten. Bremgarten kapitulierte deshalb jeweils rechtzeitig, wenn Feinde anrückten, übrigens stets Miteidgenossen.

Militärisch veraltet, dienten die Türme noch lange als Gefängnisse. Im renovierten Hexenturm ist heute zu sehen, wie man Gefangene mit einer Seilwinde durch ein enges Loch ins finstere Erdgeschoss hinunterliess. Auch daran dürfen Sie denken, wenn Sie die Türme bestaunen.

Am Obertor: der Spittelturm

Der Spaziergang beginnt beim Spittelturm, dem Wahrzeichen der Stadt. Er wurde 1556–1559 gebaut, ist 44 Meter hoch und hat drei Meter dicke Mauern. Sein Prunkstück ist die Turmuhr auf der Stadtseite. Das Uhrwerk von 1897 treibt vier Zeiger an: neben Stunden und Minuten einen Zeiger für die zwölf Tierkreiszeichen und einen für die Wochentage. Ein weiteres Räderwerk dreht die Mondkugel im Erker.

Die Uhr zählte auch düstere Stunden. Während Jahrhunderten diente der Turm als Gefängnis. Zu den gefürchtetsten Insassen gehörte Caspar Korn, ein Räuberhauptmann mit dem Spitznamen «Grand Louis», der 1752 in Bremgarten aufs Rad geflochten wurde. Seinen Namen verdankt der Turm dem benachbarten Spital, das schon 1843 abgebrochen wurde, um das Tor vom Verkehr zu entlasten. Seit der Eröffnung der Umfahrung 1994 ist es am Obertor wieder ruhiger.

Der Spittelturm mit der Turmuhr auf der Stadtseite. Das Uhrwerk von 1897 zeigt auch Tierkreis, Wochentag und Mondphase. Foto: Peter Spalinger

Die Lücke beim Schellenhaus

Durch die Rechengasse geht es am Zeughaus vorbei zum Schellenhausplatz. Hier stand bis 1802 der Platzturm, erstmals erwähnt 1238/39 und ähnlich mächtig wie der Spittelturm. Zuerst wohnten adelige Dienstleute darin, zuletzt der Hochwächter.

Ein Bericht im «Bremgarter Volksblatt» von 1898 erzählt den Einsturz so: Kinder spielen beim Turm, die Glocke ruft zur Vesper, die Kinder eilen in die Kirche, und kaum ist der Platz leer, fällt der Turm zusammen. Der Turmwächter und seine Frau überleben in einer Ecke des Turmzimmers. Die Autoren korrigieren: Es geschah am Fasnachtssonntag, dem 28. Februar 1802, und es ging tragischer aus. Die Frau des Hochwächters Alois Gigis und die Frau eines Nachbarn starben an ihren Verletzungen.

Die Steine des Turms wurden in Bürgerhäusern verbaut. Durch die Lücke beim Schellenhaus verlassen Sie die Altstadt und steigen über die Risitreppe zur Reuss hinunter. Nahe der heutigen ARA-Brücke stand bis 1836 der Pulverturm, das Lager für Schiesspulver. Seine Steine kamen in den Auslaufkanal des Kraftwerks in der Au. Seit den 1950er Jahren ist der Kanal eingedeckt, auf ihm verläuft heute der Spazierweg reussaufwärts.

An der Reuss: Hermannsturm und Kirchturm

Der 32 Meter hohe Hermannsturm von 1407 trug mehrere Namen. Zuerst hiess er «Ramstein»: 1408 nahm Thüring von Ramstein zwei Bremgarter Bürger gefangen und raubte ihr Gut. Der Schwiegersohn des einen holte elf Eigenleute des Ramsteiners nach Bremgarten, um die beiden freizubekommen. Sie waren die ersten Gefangenen im Turm. In acht Metern Höhe führt ein Steinsteg von der ehemaligen Färberei zum Eingang.

Der Hermannsturm von 1407 hiess zuerst «Ramstein», nach seinen ersten Gefangenen. Foto: Peter Spalinger

Entlang der Unterstadtmauer und am ehemaligen Klarakloster vorbei erreichen Sie den 68 Meter hohen Turm der katholischen Kirche. Beim Brand der Kirche 1984 drangen die Flammen bis in die Glockenstube. «Sie blieben stumm», schrieb Fritz Stäuble damals im «Aargauer Volksblatt»: Die Glocken schlugen noch einmal die Stunde und stürzten in die Glut. Im Oktober 1986 läuteten sechs in Aarau neu gegossene Glocken das nahe Ende des Wiederaufbaus ein.

Hexenturm und Amthofturm

Am Ende der Reussgasse steht der Hexenturm, 39 Meter hoch, mit drei Meter dicken Mauern. Josef Villiger nennt seine Geschichte «furchtbar und beschämend». Im lichtlosen Kellergeschoss sassen die Gefangenen, darunter als Hexen Beschuldigte, die nach erpressten Geständnissen meist verbrannt wurden. Der Name des Turms erinnert an diese Zeit des Aberglaubens.

Der Hexenturm am Ende der Reussgasse, seit 2014/15 mit Aussentreppe und Innenausbau. Foto: Peter Spalinger

Am Eingang zum Reussweg folgt ein jüngerer Turm. Heinrich Meyer-Ganzoni liess ihn 1899–1901 beim Amthof als Aussichtsturm im Stil eines Wehrturms bauen. Die Gesamtkosten betrugen Fr. 58'110.15. Die Reussfront mit dem neugotischen Turm und der gedeckten Holzbrücke gehört bis heute zu den meistfotografierten Ansichten der Stadt.

Der Amthofturm entstand 1899–1901 als Aussichtsturm im Stil eines Wehrturms. Foto: Peter Spalinger

Katzenturm und reformierte Kirche

Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörte ein Feuer den oberen Teil des Katzenturms. Das Firstdach, das er danach trug, fand der Historiker Walther Merz 1906 «so unschön als möglich». Seit der Renovation 2002/2003 hat er wieder einen geschweiften Spitzhelm wie auf alten Abbildungen.

Eine Gedenktafel am Turm erinnert an Zwinglis Durchgang durch das «Katzentörlein» im August 1531. Zwingli hatte sich im Bremgarter Pfarrhaus mit Berner Gesandten besprochen. Vor Tagesanbruch verliess er die Stadt heimlich durch das Törli an der Reuss, Heinrich Bullinger begleitete ihn bis gegen Zufikon. Bei seiner Rückkehr berichteten die Wachen von einer weissen Gestalt, die einer Frau glich, umherirrte und sich vor dem Törli ins Wasser gleiten liess. Im Oktober 1531 fiel Zwingli in der Schlacht bei Kappel.

Seit 2004, zum 500. Geburtstag Bullingers, heisst der Weg vom Katzenturm zum Obertor Bullingerrain. Er führt über den Schulhausplatz zur reformierten Kirche von 1900. Die Baukommission wollte, dass sich die Kirche in die Stadt einfügt. Deshalb steht der Turm auf der Stadtseite, und seine drei Glocken sind auf die übrigen Glocken der Stadt abgestimmt.

Originalbeitrag

 

Heinz Koch, Fridolin Kurmann, Peter Spalinger: Von Turm zu Turm. Ein Spaziergang zu den Türmen in Bremgarten. In: Bremgarter Neujahrsblätter 2016, S. 77–94. Fotostrecke «Die sieben Türme im Bild»: ebd., S. 87–94.

 

Im Originalbeitrag finden Sie die Baudaten und Masse jedes Turms, die Chronik der grossen Stadtbrände und die Fotostrecke von Peter Spalinger mit allen sieben Türmen. Sie können ihn hier direkt herunterladen: