Symbolfoto: Marek Studzinski auf Unsplash
Anfang Juni 1793 trifft in Bremgarten ein Fremder ein, der sich Corby nennt. In Wahrheit ist er Louis Philippe, Sohn eines Adligen, den die Revolutionäre köpften. 1830 wird er König von Frankreich. Ende Juni versteckt sich auch seine Schwester Adélaïde in der Stadt, hinter den Mauern des Klosters St. Clara.
Ein Lehrer namens Chabot
Louis Philippe (1773–1850) gehört zu jenen französischen Adligen, die anfänglich für die Revolution Partei ergriffen und dann vom jakobinischen Regime bekämpft wurden. Er glaubt sich verfolgt und flieht in die Schweiz. Auf seiner Flucht durch die Eidgenossenschaft arbeitet er unter dem falschen Namen Chabot als Lehrer im Schloss Reichenau in Graubünden. Er spricht mehrere Sprachen und ist dort wohlgelitten.
Ständig fürchtet er, entdeckt zu werden. Die wenigen Eingeweihten halten jedoch dicht. In Reichenau macht der Prinz der Schlossköchin Marianne Banzori den Hof und nennt sich in einem Brief an sie «Ton Chabosli». Die Liebschaft hat Folgen: Im Dezember 1793 bringt Marianne Banzori in Mailand einen Knaben zur Welt, der sogleich in ein Heim für Findelkinder kommt.
Das Haus an der Antonigasse
In Bremgarten wohnt Louis Philippe an der Antonigasse 14 bei seinem Freund General Marquis de Montesquiou, der ebenfalls im Exil lebt. Um den Prinzen bildet sich eine kleine Kolonie von Flüchtlingen, darunter der Graf de Montjoie mit seiner Gemahlin und deren Bruder. Zugang zur Gruppe haben auch der franzosenfreundliche Bremgarter Franz Dominik Honegger und der ehemalige Zürcher Landvogt Hottinger.
Wer heute durch die Antonigasse geht, kann das Haus noch sehen. Später befand sich hier das Restaurant Strohhof, in dessen ehemaligem Tanzsaal von 1900 bis 2001 das jüdische Betlokal untergebracht war. Eine Gedenktafel erinnert an den berühmten Bewohner.

Bildnachweis: Originalbeitrag 2020, Seite 97
Was der Prinz über die Schweiz erfährt
An der Antonigasse lernt Louis Philippe den international bekannten Arzt Johannes Hotze (1734–1801) aus Richterswil kennen. Hotze erklärt ihm die politische und wirtschaftliche Ordnung der Eidgenossenschaft. Der Prinz hatte das Land bisher als Hort der Freiheit gesehen. Nun wundert er sich, dass ein so angesehener Arzt nicht in Zürich praktiziert und kein Amt bekleidet. Die Antwort: Nur Stadtbürger haben Anrecht auf Stellen und Ämter.
Der Prinz notiert, dass die Regierenden mit Gewalt an ihren Privilegien festhalten und die anderen dadurch gedemütigt werden. «Darin liegt der Keim für die Revolutionen.» Auch bei den Bauern im Kanton Luzern und im Aargau spürt er Unzufriedenheit und hält sie für «Revolutionäre, die vom Jakobinismus verschont wurden». Die Demokratie in den Urkantonen, besonders in Schwyz, nennt er «ungehemmt, zügellos». Mit seiner Prognose täuscht er sich: Den Umsturz bringen wenige Jahre später die Soldaten der Französischen Revolution, die ins Land eindringen.

Bildnachweis: Originalbeitrag 2020, S. 98
Eine «irische» Familie im Kloster St. Clara
Am 27. Juni 1793 versteckt sich Adélaïde d'Orléans mit ihrer Erzieherin Madame de Genlis im Kloster St. Clara in der Bremgarter Unterstadt. General Montesquiou meldet die beiden bei der Priorin als irische Familie an, die der Krieg und Piraten an der Heimkehr hindern. Bald erkranken Adélaïde und alle Klosterschwestern an der Ruhr, mehr als zwei Monate lang. Johannes Hotze behandelt auch die Prinzessin.
Adélaïde spaziert dreimal täglich im Klostergarten, besucht jeden Tag die Messe und spielt Harfe. Sie schreibt Briefe an ihre Eltern, ihre Brüder und an erdachte Personen. Abschicken kann sie keinen davon, ohne sich zu verraten, also sammelt sie die Briefe für später. Dass ihr Vater auf dem Schafott gestorben ist, verschweigt ihr Madame de Genlis. «Unsere Tage verliefen traurig, wenn auch ohne Langeweile», schreibt die Erzieherin in ihren Memoiren.
Ausgewiesen mitten im Winter
In der Stadt spricht sich herum, wer die beiden Fremden sind. Der Stadtrat fürchtet Schwierigkeiten mit den regierenden Orten Zürich und Bern. Am 23. Dezember 1793 kommt der erste Ausweisungsbefehl. Die Frauen haben keinen Wagen, wenig Geld und keine Pässe. «Wohin uns wenden?», klagt Madame de Genlis.
Der Befehl wird vorerst zurückgenommen. Stadtschreiber Franz Joseph Bucher lässt die Priorin aber wissen, die Flüchtlinge seien als Gefangene zu betrachten. Hilfe kommt von Brigadier François Guillaume Pierre Dieffenthaler, der aus einem alten Bremgarter Bürgergeschlecht stammt und beste Verbindungen nach Frankreich hat. Die Prinzessin de Bourbon-Conti in Freiburg ist bereit, Adélaïde aufzunehmen. Am 11. Mai 1794 kann sie abreisen. Madame de Genlis und ihre Nichte Henriette verlassen die Stadt acht Tage später.
Vom Flüchtling zum König
Im Oktober 1794 stösst die Gräfin de Flahaut mit ihrem Sohn zur Kolonie, eine Vertraute des Prinzen. Gegen Ende des Jahres verbreiten sich in Frankreich und Deutschland Gerüchte: Der Prinz habe beim Verlassen der Armee riesige Militärgelder mitgenommen und wohne nun prunkvoll in einem Palast. Louis Philippe will rasch weg. Gouverneur Morris, der bevollmächtigte Minister der Vereinigten Staaten in Frankreich, lädt ihn nach Amerika ein und legt für die Reise einen Wechsel über 100 Louisdor bei.
Anfang März 1795 verlässt der Prinz Bremgarten, nun unter dem Decknamen Müller. Von Hamburg-Altona aus reist er durch Skandinavien bis zum Nordkap. Erst am 24. September 1796 besteigt er das Schiff nach Amerika. Nach 21 Jahren im Exil kehrt er nach Frankreich zurück und wird 1830 König. In der Revolution von 1848 verliert er den Thron. Er stirbt am 26. August 1850 im englischen Exil.
Originalbeitrag
Jörg Baumann: Royale Emigranten in Bremgarten. Der französische Prinz Louis Philippe und seine Schwester Adélaïde im Exil. In: Bremgarter Neujahrsblätter 2020, S. 95–102.
Der Originalbeitrag enthält weitere Bilder, ausführliche Zitate des Prinzen zur Demokratie in der Schweiz und die Quellenangaben. Sie können ihn hier direkt herunterladen: