Bildnachweis: Björn Siegrist, Fotograf, Zürich
Fast fünfzig Jahre lang galt der Zentralbau der St. Josef-Stiftung «nicht gerade als Perle an der Reuss», wie Stiftungsleiter Thomas Bopp sagte. Seit dem Umbau zum Haus Allegra, abgeschlossen 2025, ranken Kletterpflanzen an der Fassade, im obersten Stock kann man heiraten, und Menschen mit und ohne Beeinträchtigung wohnen Tür an Tür. Die Bremgarter Neujahrsblätter erzählen, wie es dazu kam.
Ein Bau für eine Stadt, die erst noch kam
Als die St. Josef-Stiftung 1975 ihren Zentralbau bezieht, gilt Sichtbeton als Ausdruck moderner Architektur. Der wuchtige Bau mit seinen vielen kleinen Fenstern und der geschlossenen Fassade ist ganz nach innen gerichtet. «Der Isenlauf war damals reine Grünfläche», erinnert sich Richard Widmer, Stiftungsratspräsident von 1969 bis 1985. «Unser Zentralbau war das erste Gebäude für etwas, das noch gar nicht stand.» Die Stadt wächst erst später nach und nach um ihn herum.
Für die Bewohner:innen ist der Neubau eine grosse Erleichterung. Bis dahin lebten sie in den beengten alten Klostergebäuden mit ihren laufend angefügten Anbauten. Nun gibt es grosszügige Räume, eine moderne Küche, Platz für Rollstühle, einen medizinischen Dienst und Therapien. «Das war ein Epochensprung», sagt Schwester Reto Lechmann, die fast 40 Jahre in der Stiftung verbrachte, 25 davon als Leiterin der Sonderschule.

Bildnachweis: Archiv St. Josef-Stiftung
Ein Backofen auf Reisen
Das Leben spielt sich auf den sechs oberen Stockwerken ab: zwölf Wohngruppen, je acht Kinder, vier Betten pro Zimmer. Für jede Gruppe ist eine Ordensschwester aus Ingenbohl zuständig, praktisch Tag und Nacht. Ihr Zimmer liegt am Ende des Gangs. In der Mitte jedes Stockwerks gibt es eine gemeinsame Küche, allerdings ohne Backofen. Der einzige Ofen im Haus ist fahrbar und fährt mit dem Lift dorthin, wo er gerade gebraucht wird.
Die Balkone sind aus Sicherheitsgründen mit Nylon vergittert. Für Schwester Reto zählt vor allem, was der neue Platz möglich macht: Musik- und Tanzgruppen, Malen, mit den Kindern hinaus in den Garten und in die Stadt. «Ideen hatten wir immer», sagt sie. «Aber jetzt konnten wir sie umsetzen.»
Wer kaum hinauskann, lädt eben die Leute zu sich ein
Was 1975 als fortschrittlich galt, wirkt mit den Jahrzehnten immer mehr wie eine Barriere zwischen den Bewohner:innen und der Stadt. Die Stiftung öffnet sich Schritt für Schritt. Anfang der 1990er-Jahre dringt Wasser in die Fassade ein, sie muss saniert werden. Hans Welti, Stiftungsratspräsident von 1985 bis 1996, erinnert sich an den Moment der Erkenntnis: «Das können wir gestalterisch nutzen!» Die Keramikplatten, die damals montiert werden, sollen die Öffnung zur Nachbarschaft sichtbar machen. Sie prägen das Haus bis zum jüngsten Umbau.
1987 übergeben die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz nach fast 100 Jahren die Heimleitung an den Stiftungsrat. Hans Albisser, Präsident von 1997 bis 2005, fasst die Überzeugung jener Zeit so zusammen: Wenn die Menschen mit Behinderungen kaum aus dem St. Josef hinauskönnen, müssen die anderen eben hereinkommen. 1994 eröffnet der Tierpark, 2003 das öffentliche Restaurant JoJo. «Vorher ging ein Zaun ums Gelände», sagt Albisser. «Es war nicht einladend.»

Bildnachweis: Archiv St. Josef-Stiftung
Abreissen oder umbauen?
2016 ziehen die Wohngruppen ins neu gebaute Haus Fortuna, der Zentralbau steht leer. Sechs Jahre lang prüft eine Arbeitsgruppe Bedarf und Szenarien. Zwischendurch steht sogar zur Diskussion, die obersten zwei oder drei Stockwerke abzutragen. Am Ende entscheidet sich die Stiftung aus ökonomischen und ökologischen Gründen für einen umfassenden Umbau. «Wir haben bereits getroffene Beschlüsse neu eröffnet und so lange diskutiert, bis der Konsens erreicht war», sagt Peter Thurnherr, Stiftungsratspräsident von 2014 bis 2024.
Im Sommer 2022 beginnen die Bauarbeiten, mitten im laufenden Betrieb. Küche, Wäscherei, Empfang und Restaurant JoJo ziehen in Provisorien, die Tagesstätte für Erwachsene findet Räume in Gehdistanz. «Wir hatten Wettkampfglück», sagt Thomas Bopp. Am 15. Juni 2024, zum Jubiläum «10 Jahre Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention», öffnet die Baustelle für einen Tag ihre Tore. Hunderte Besucher:innen schauen hinter die Kulissen.
Ein Haus mit acht Geschichten
Jedes Stockwerk des Hauses Allegra erzählt heute eine eigene Geschichte. Im Untergeschoss arbeiten in der erneuerten Küche und Wäscherei auch Menschen mit Beeinträchtigung, als Mitarbeitende der Stiftung wie alle anderen. Im Erdgeschoss empfängt Sie eine helle Eingangshalle. Das Restaurant JoJo hat eine gedeckte Terrasse mit über 30 zusätzlichen Plätzen erhalten, und am Buffet können sich jetzt auch Gäste im Rollstuhl selbst bedienen.
Darüber folgen die erneuerte Heilpädagogische Schule, die Abteilung «Arbeiten und Erleben» für Erwachsene und die Physio- und Ergotherapie, die auch Patient:innen von ausserhalb offensteht. «Arbeiten und Erleben» gibt den Bewohnenden eine Alltagsstruktur, wie sie für andere selbstverständlich ist: die Wohngruppe verlassen, einer Beschäftigung nachgehen, zurückkehren.
Im vierten Stock leben elf Menschen in den Wohngruppen Mosaik und Friedheim. Im fünften und sechsten Stock sind 16 behindertengerechte Mietwohnungen mit 1½ bis 3½ Zimmern entstanden. 13 davon werden auf dem freien Markt vermietet, drei bewohnen Mitglieder der Wohngruppen, die so selbständiger leben und trotzdem jederzeit zur Gruppe gehen können. Ganz oben liegen Konferenz- und Seminarräume mit weitem Blick über das Reusstal. Dort können Sie auch standesamtlich heiraten.
Eine Fassade, die wächst
Am deutlichsten zu sehen ist die Verwandlung von aussen. Wo früher Beton und Keramikplatten das Bild bestimmten, ranken heute Kletterpflanzen. Die Begrünung, eine Idee der Bauherrschaft, wird von Jahr zu Jahr üppiger. Sie verbessert das Mikroklima, dämmt im Sommer die Hitze und bietet Insekten und Vögeln Lebensraum. «Da setzen wir ein Zeichen», sagt Thomas Bopp.

Bildnachweis: Archiv St. Josef-Stiftung
Mit über 40 Millionen Franken inklusive Teuerung ist der Umbau das grösste Bauprojekt in der Geschichte der St. Josef-Stiftung. Der Name Allegra bedeutet Freude, und die Stiftung hat ihn mit Bedacht gewählt. Im Beitrag heisst es dazu knapp: «Er ist Programm.»
Originalbeitrag
Im vollständigen Beitrag erfahren Sie unter anderem, was Markus Strebel, Stiftungsratspräsident von 2005 bis 2014, über die «kleinen, feinstofflichen Sachen» im Alltag einer Institution sagt, wie die Architekten die brutalistische Struktur der 1970er-Jahre in ein offenes Haus verwandeln wollten und welchen Wandel in der Haltung der Stiftung der Umbau sichtbar macht. Ausgabe bestellen oder abonnieren
Christian Liesen: Vom Betonbau zum grünen Leuchtturm. Der Umbau des Hauses Allegra der St. Josef-Stiftung Bremgarten. In: Bremgarter Neujahrsblätter 2026, S. 57–66.