Symbolfoto: Mohammad Metri auf Unsplash

Die Bremgarterin, die das Schuhhaus Dosenbach gründete

Die Geschichte des Schuhhauses Dosenbach beginnt 1865 in Bremgarten. Gegründet hat es eine Frau: Franziska Dosenbach, die man in der Stadt «Finke Fränzi» nannte. Mit Unternehmergeist, harter Arbeit und dreizehn Kindern baute sie ein Geschäft auf, das bald in der ganzen Schweiz bekannt war.

Bildnachweis: Firmenchronik (Festschrift 1965)

Eine junge Frau mit Geschäftssinn

Franziska Buchmann kommt am 19. Oktober 1832 in Kleinwangen im Luzerner Seetal zur Welt. Nach dem frühen Tod des Vaters wächst sie bei ihrem Stiefvater in Bremgarten auf und besucht hier die Schulen. Danach tritt sie ins Töchterinstitut von Lisette Ruepp in Sarmenstorf ein. Ruepp war eine der ersten Schülerinnen Pestalozzis. Bei ihr lernen die jungen Frauen Haushaltführung, Französisch, Musik und Strohflechten.

Zurück in Bremgarten arbeitet Franziska als Ferggerin für eine Wohler Strohgeflechtfirma. Sie vergibt Aufträge an zahlreiche Heimarbeiterinnen und stellt bald eigene Musterbücher zusammen, mit Geflechten aus Rosshaar und «Drähtli» nach ihren Entwürfen. Eine Frau mit solchem Können gilt als gute Partie. 1853 heiratet die 21-Jährige den Sattler Kaspar Dosenbach, der kurz zuvor aus Paris heimgekehrt ist.

Ein Wagnis mit Fabrikschuhen

Kaspar Dosenbach ist praktisch der einzige Sattler im Bezirk Bremgarten. Im Winter zieht er mit seinen Gesellen auf die «Stör» zu den Bauern und setzt dort Kuh- und Pferdegeschirre instand. Das Geschäft zu Hause führt Franziska.

An der Messe in Zürich fällt ihr auf, wie viele fertige Schuhe die Fabrikanten aus Württemberg und Baden verkaufen. 1865 kauft sie ein paar Dutzend Paare ein und bietet sie in Bremgarten probeweise neben dem Sattlergeschäft an. Die Kundschaft begegnet den «Fabrikschuhen» zunächst mit Misstrauen. Franziska Dosenbach lässt sich davon nicht beirren. 1867 übernimmt sie die gesamten Restbestände zweier Fabrikanten, und ab 1870 handelt sie als selbständige Schuhhändlerin an der Messe am Zürcher Hirschengraben. Bald folgen die Messen in Luzern, Bern und Basel und die Märkte von Brugg über Baden und Aarau bis Zug.

Bildnachweis: Firmenchronik (Festschrift 1965)

Gerade noch rechtzeitig zu Hause

Wie dicht ihr Leben war, zeigt eine Episode aus der Familiengeschichte. An einem Maitag fährt Franziska Dosenbach mit ihrem Knecht in der Chaise nach Zürich, um Schuhe einzukaufen. Auf der Rückfahrt treibt sie den Kutscher zur Eile an. Am selben Abend bringt sie ihr zwölftes Kind zur Welt, den Sohn Carl.

Carl wächst ins Geschäft hinein. Für den Schuhhandel habe er «nicht selten» die Schule geschwänzt, erinnert er sich später. Der Lehrer habe ihn stets entschuldigt, vielleicht auch dank der Flasche Wein, die ihm die Mutter hie und da stiftete. Mit zwölf Jahren hütet Carl den Laden allein, wenn die Mutter unterwegs ist. Seine Schulkameraden helfen ihm auf dem Estrich, die Schuhbändel einzufädeln.

Allein mit dreizehn Kindern

Im Herbst 1877 stirbt Kaspar Dosenbach an einer Lungenentzündung. Franziska bleibt mit dreizehn Kindern und einem wachsenden Geschäft zurück. Sie macht weiter. Die feinen Schuhe kauft sie selbst ein, die groben liefern Schuhmacher aus der Umgebung: jeden Sonntag um 10 Uhr rund 20 Paare, auf dem Handwägeli nach Bremgarten gebracht. Vor der Übergabe spuckten die Meister auf die Schuhe, «damit sie bei der Kontrolle recht glänzten», erzählt Carl.

1878 eröffnet Franziska Dosenbach eine Filiale in Baden. Sie wird von der ältesten Tochter Johanna geführt, die ledig bleibt, um sich ganz dem Geschäft zu widmen. In Zürich entsteht an der Ecke Rennweg/Oetenbachgasse das erste Geschäft in der Stadt. Das Lager bleibt in Bremgarten. Zweimal pro Woche bringt Carl die Schuhe mit dem Fuhrwerk nach Zürich. Heim fährt er mit dem Nachtzug bis Dietikon und geht von dort zu Fuss nach Bremgarten. Der älteste Sohn Joseph begründet später Geschäfte in Fribourg und Murten. Bei ihrem Tod besitzt Franziska Dosenbach 17 Liegenschaften.

Bildnachweis: Firmenchronik (Festschrift 1965)

Eine späte Liebe

1883 heiratet Franziska Dosenbach ein zweites Mal. Louis Wohler aus Wohlen hatte schon in jungen Jahren um sie geworben und gegen Kaspar Dosenbach verloren. Enttäuscht ging er nach Italien und liess sich bei der Päpstlichen Schweizergarde anwerben, wo er es zum Offizier brachte. Danach stieg er im Hauser-Hotel in Neapel vom Kellner zum Direktor auf. Als Witwer kommt er auf Besuch in die Heimat, trifft Franziska wieder, und die alte Liebe flammt auf. Im Schuhgeschäft übernimmt er Buchhaltung und Geschäftsleitung.

Vergessen in der eigenen Stadt

Noch als Achtzigjährige spielt Franziska Dosenbach an der Fasnacht den kleinen Maskenträgern auf dem Klavier Gavotten vor, dazu kommen Fasnachtsküchlein auf den Tisch. Am 21. Februar 1917 stirbt sie in Bremgarten. Der «Bremgarter Volksfreund» widmet ihr einen langen Nachruf auf der Frontseite. Der Redaktor erinnert daran, dass hinter der alten Frau vor dem Geschäftshaus an der Marktgasse eine Unternehmerin stand, die sich eine Selbständigkeit geschaffen habe, «nach der mancher gebildete Kaufmann umsonst streben wird».

Heute erinnert in Bremgarten nichts mehr an sie. Ihr Grab wurde vor vielen Jahren aufgehoben, am ehemaligen Schuhhaus an der Marktgasse 23 fehlt eine Gedenktafel. Auch in Zürich scheiterte der Vorschlag einer Tafel am Rennweg. 1973 übernahm der deutsche Schuhhändler Heinz-Horst Deichmann das Familienunternehmen. Den Namen Dosenbach behielt er bei.

Originalbeitrag

 

Jörg Baumann: «Finke Fränzi», Pionierin im Schuhhandel. Franziska Dosenbach gründete das einst bekannte Schuhhaus 1865 an der Marktgasse. In: Bremgarter Neujahrsblätter 2016, S. 29–38.

 

Der Originalbeitrag enthält weitere Details, Bilder und die Quellenangaben. Sie können ihn hier direkt herunterladen: