Symbolfoto: Wikimedia (Unsplash)
Von 1980 bis 1990 stand an der Bremgarter Fasnacht alle zwei Jahre die Hexe Aurelia Fällbaum vor Gericht und endete auf dem Scheiterhaufen. Bis es zum Protest dagegen kam. Seit 1992 verzichtet die Schpitelturmclique auf Prozess und Feuer. Georges Hartmeier hat 2016 mit Beteiligten beider Seiten gesprochen und zeigt: Die Fronten von damals haben sich kaum bewegt.
Eine Sage für die Fasnacht
1962 lassen ein paar couragierte Männer den alten Brauch des Usrüere in Bremgarten wieder aufleben. Der Erfolg macht Mut: Es folgen das Wagen- und Chaisenrennen, der Fasnachtsumzug und der «Brämgarter Tagesalüger». 1980 kommt die Hexe Aurelia Fällbaum dazu. Es gab sie nicht wirklich, sie ist eine Erfindung.
Ihre Geschichte stammt von Alfred Glarner. In seiner «Sage von der Bremgarter Hexe», einer «beinahe wahren Geschichte», kehrt die 1622 hingerichtete Hexe zurück und richtet erneut Unheil an, «besonders vor Gemeindeversammlungen oder Wahlen». Deshalb muss das hohe Narrengericht der Schpitelturmclique sie alle zwei Jahre wieder verurteilen und verbrennen. Beim grossen Hexentreffen von 1980, verstärkt durch Hexengruppen aus der March, steht Aurelia Fällbaum so zum ersten Mal an der Fasnacht vor dem Narrengericht.

Bezirkslehrer Thomas Hauser illustrierte den Prozess gegen Aurelia Fällbaum in Alfred Glarners «Sage von der Bremgarter Hexe» von 1987. Illustration: Thomas Hauser
«Emanzen» vor dem Hexenturm
Im März 1989 melden sich «hexeninteressierte Frauen» zu Wort. Sie bitten die Clique, auf die Verbrennung zu verzichten. Dort nimmt man sie nicht ernst. Vor der Fernsehkamera gibt sich Alfred Glarner zuversichtlich: Diese «Emanzen» hätten nicht den Mut, wirklich etwas zu unternehmen, man werde sie nur auslachen.
Darin täuscht er sich. Um Yvonne Kaufmann und Margrit Schaller formiert sich eine Gruppe von Bremgarterinnen, die so einen Brauch nicht hinnehmen wollen. Das Schweizer Fernsehen SRF wählt drastische Bilder: Hinter dem Stubenmeister der Schpitelturmclique – die nur aus Männern besteht – ragt der Spittelturm in die Höhe. Yvonne Kaufmann dagegen steht vor dem Hexenturm. Ein Flugblatt ruft zur Demonstration gegen die Verbrennung am 22. Februar 1990 auf.
Dort erhalten die Bremgarter Aktivistinnen überraschend Unterstützung von auswärtigen Frauen, die weit radikaler auftreten. Die Aktion sei deshalb etwas chaotisch geworden, sagt Margrit Schaller. Hansjörg Geissmann, damals Bezirksgerichtspräsident und Ankläger der Aurelia Fällbaum, erinnert sich, dass der Verstärkeranlage kurzerhand «der Stecker gezogen» wurde, als er seine Anklagerede halten wollte.

Flugblatt abgebildet im Originalbeitrag, S. 79
Nach einem knappen Gerichtsentscheid, begleitet von ordentlich Kakophonie rundherum, wird der Holzstoss trotzdem angezündet. Es ist das letzte Mal.

Quelle: Originalbeitrag, S. 80
Warum die Hexe verschwand
Am 27. Februar 1992 eröffnet die Schpitelturmclique die nächste Fasnacht – ohne Aurelia Fällbaum. Warum, darüber gehen die Erinnerungen auseinander. Heinz Müller, Chronist und Ehrenmitglied der Clique, schreibt im Jahrgang 2000 der Bremgarter Neujahrsblätter von einigen «Exoten», die mit verschiedenen Druckmitteln den Rückzug erreicht hätten. Den Ausschlag habe gegeben, dass die Behörde sie unterstützt hätten.
Ulrich Christen, Stubenmeister von 1992, erinnert sich anders. Offiziellen Druck habe es keinen gegeben. Nach der Demonstration von 1990 habe die Clique beschlossen, «dem Problem Hexenverbrennung auszuweichen». Aus den eigenen Reihen erntete er dafür harsche Kritik und wurde beschimpft. Heute hält er den Entscheid für richtig: «Es ist nicht mehr zeitgemäss. Man muss etwas Neues bringen!»
Die neue Figur, der «Wächter vom Spittelturm», stösst beim Publikum allerdings nur auf mässiges Interesse.
Enttäuschung auf beiden Seiten
Zufrieden ist mit der Lösung tatsächlich kaum jemand. Hans Rechsteiner, der im damaligen Badener Tagblatt engagiert über die Bremgarter Fasnacht berichtete, schüttelt noch 2016 den Kopf. Für ihn waren es vor allem «ortsfremde Frauen, die keine Ahnung von Fasnacht haben». Ihm ist unverständlich, dass man die Fasnacht, in der doch alle Werte umgekehrt werden, mit den gleichen Ellen misst wie den politischen Alltag.
Margrit Schaller, die damals in Bremgarten wohnte, freut sich zwar, dass keine Hexe mehr verbrannt wird. Den Verzicht hält sie aber für «bloss ein Nachgeben»: Die Presse habe die Clique in der ganzen Schweiz, bis ins Wallis, als rückständig dargestellt. Eine Hexenverbrennung, das gehe in Bremgarten einfach nicht, weil sich die Stadt im 16. und 17. Jahrhundert durch besonders viele Hexenprozesse hervorgetan habe. Auch ein fiktiver Prozess vor dem Narrengericht erinnert an diese vielen Justizmorde. Sie sind vor allem an Frauen begangen worden.

Quelle: Originalbeitrag, S. 79
Brugg, Hildisrieden und die alte Frau
Bremgarten stand mit dem Streit nicht allein. In Brugg regte sich gegen die 1978 eingeführte Hexenverbrennung schon 1980 Widerstand. Ab 1983 war die Hexe dort nicht mehr dabei. Um 1980 begann überall in Europa eine intensivere Beschäftigung mit den Hexenverfolgungen. Ab 1990 wurden in Deutschland, ab 2000 auch in der Schweiz einige der verurteilten Frauen rehabilitiert. Alfred Glarner hat seine Fasnachtsgeschichten genau in dieser Zeit geschrieben.
Sie brennt noch, heimlich
Ganz verschwunden ist Aurelia Fällbaum wohlgemerkt nicht. Noch bis 2016 wird sie jeweils zum Fasnachtsauftakt an einem Seil vom Fällbaum hochgezogen und verschwindet am Ende der Fasnacht im Fluss. 2016 brennt sie lichterloh über der Reuss, als sie mit den Rüsshäxe abtreten muss. Presse und Publikum bemerken es kaum, ebenso wenig wie ein weiteres Feuer, in dem eine Aurelia aus Stahlblech versteckt brennt und erst am Schluss zum Vorschein kommt.
Marcel Buchmann, 2016 Stubenmeister der Schpitelturmclique, sagt dazu: Für die Clique sei das Usrüere der wichtigste Brauch, alles andere sei später dazugekommen. Zur Fasnacht gehöre aber auch etwas Provokation: «Wir lachen innerlich, wenn wir die Hexe unvermerkt brennen lassen.» Vielleicht müsse man aus Trotz wieder einmal Anklage erheben, und der Stadtammann könnte die Verteidigung übernehmen.
Originalbeitrag
Georges Hartmeier: Darf man an der Fasnacht Hexen verbrennen? In: Bremgarter Neujahrsblätter 2017, S. 75–82.
Im Originalbeitrag lesen Sie unter anderem, wie Jörg Kraus die Hässlichkeit der Fasnachtshexe deutet und warum ihr Bild an vielen Orten erst Raum bekam, als die kirchlichen und aufklärerischen Verbote der Fasnacht nachliessen. Sie können ihn hier direkt herunterladen: